Digitalisierung, Marketing-Strategien mit Online Marketing, Content Marketing, Social Media
22 June 2018

Wer hat Zugriff aufs digitale Erbe?



Wenn man sich die Altersstruktur in Social Media anschaut, dann muss man sagen: Allerhöchste Zeit, dass beim Bundesgerichtshof endlich ein grundsätzliches Wort zum Erben in der digitalen Welt gesprochen wird. Facebook etwa ist längst nicht mehr der Teenietreff. Inzwischen beobachtet man einen starken Zuwachs an "Silver Surfern", wie das in Marketingsprache heißt. Damit wird greifbar, was ohnehin unumgänglich ist: Auch User sterben. Deshalb drängt die Frage, was dann aus all den Accounts werden soll, in denen persönliche Teile des sozialen Lebens gespeichert sind.

 

Umfrage zum digitalen Nachlass

17 Prozent der Teilnehmer einer im Auftrag von WEB.DE und GMX durchgeführten Umfrage würden Online-Dienste auf die Herausgabe der Daten Verstorbener verklagen. Genau das haben die Eltern einer 15-Jährigen, die 2012 von einer U-Bahn überfahren wurde getan. Aus den Facebook-Nachrichten der Tochter erhofft sich die Mutter Aufschluss darüber, ob der tragische Tod ihrer Tochter ein Unfall oder Selbstmord war.
 
Das soziale Netzwerk weigert sich unter Verweis auf den Datenschutz, den Eltern Zugriff auf das Profil zu geben. Heute nun urteilt der Bundesgerichthof in dem Fall - der Richterspruch könnte wegweisend sein für den künftigen Umgang mit dem digitalen Erbe. Unabhängig davon sollten sich die Menschen eingehender mit diesem Thema befassen. Bei der Eingangs genannten Erhebung gaben nur acht Prozent der Befragten an, Zugangsdaten für alle aktiven Onlinekonten bei Vertrauenspersonen hinterlegt zu haben. Quelle: Statista
 
infografik_14366_umfrage_zum_thema_digitaler_nachlass_in_deutschland_n
 

Juristische Gesetzgebung fehlt

Der Gesetzgeber hat sich auf diesem Feld bisher nicht positioniert trotz jahrelanger fruchtbarer Debatte in der Juristenwelt. Im Telekommunikationsgesetz hat er eine irreführende Formulierung stehen lassen, die das Berliner Kammergericht zu der bizarren Schlussfolgerung verleitet hat, die Inhalte eines Facebook-Accounts müssten vor den Erben eines verstorbenen Nutzers geschützt werden. Das Urteil hat große Verwirrung in der Praxis ausgelöst, der BGH wird es nun richten müssen. Im Koalitionsvertrag findet sich zwar die Absichtserklärung, den digitalen Nachlass doch zu regeln - was womöglich aber nur für den Fall gilt, dass sich die Verwirrung nicht von selbst auflöst.
 

Wer auch immer hier nun für Klarheit sorgt, Gericht oder Gesetzgeber: Es gilt, einem schleichenden Paradigmenwechsel Einhalt zu gebieten. Bisher gilt im Erbrecht, dass die Erben in all das eintreten, was vom Leben übrig bleibt - natürlich in Vermögenspositionen, aber eben auch in ein Geflecht aus vertraglichen, womöglich sogar sozialen Beziehungen. Dabei erfahren sie sehr intime Dinge, die der Verstorbene ihnen zu Lebzeiten nie anvertraut hätte, aus persönlichen Briefen oder Tagebüchern. Erben werden, wenigstens eine Zeitlang, zu Treuhändern der Toten, weil das Gesetz oder ein Testament ihnen eine besondere Vertrauensstellung zubilligt.

Facebook schiebt sich zwischen Tote und Angehörige

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welch Anmaßung darin liegt, wenn Facebook die Accounts Verstorbener kurzerhand in einen "Gedenkzustand" versetzt und den Erben den Zugang dazu verwehrt. Gewiss, dort schlummern auch die Nachrichten anderer Nutzer - aber deren Schutz lässt sich anders sicherstellen. Erben dürfen nicht willkürlich mit solchen Daten umgehen, sondern müssen das Persönlichkeitsrecht wahren.

Facebook, das seinen Nutzern nur eine Infrastruktur bereitstellen soll, schwingt sich zum Hüter der letzten Geheimnisse auf. Und zwar gegen die Erben, also gegen diejenigen, die dem Menschen (nicht dem User) nahe gestanden haben. Facebook drängt sich dann in den engen Kreis der Vertrauten, es schiebt sich zwischen den Toten und seine Hinterbliebenen.Die Bedeutung persönlicher, über den Tod hinaus wirkender Beziehungen löst sich nicht in der digitalen Welt auf. Über den Umgang mit dem Andenken solten die Erben - also Familie oder Freunde bestimmen.

CTA Speakerprofil

Tags: digital, Recht

Über Prof. Dr. Claudia Hilker

Prof. Dr. Claudia Hilker

Prof. Dr. Claudia Hilker lehrt Marketing an der Fresenius Hochschule. Als Unternehmensberaterin, Beirat und Aufsichtsrat begleitet sie Unternehmen im digitalen Wandel. Ihr qualifiziertes Team sorgt für die fachgerechte Umsetzung der Maßnahmen. Als Bestseller-Autorin schreibt sie Marketing-Fachbücher. Als Speaker spricht sie auf internationalen Events über die digitale Business Transformation.

ProvenExpert

Hilker Consulting has 4.5 of 5 stars | 78 Bewertungen auf ProvenExpert.com

Eigene Bücher

Übersetzung

Letzte Beiträge

Facebook

Twitter