12 June 2017

Hasskommentare auf Facebook



Für das Handelsblatt Interview zum Thema Hasskommentare auf Facebook habe ich einige Recherchen gemacht. Eine zentrale Frage war: Tut Facebook Ihrer Ansicht nach genug im Kampf gegen Falschmeldungen und Hasskommentare?

Meiner Meinung kümmert sich Facebook nicht genug darum, das Problem der Falschmeldungen und Hasskommentare zu lösen. Für Facebook ist der Stellenwert gering: Deutschland ist nur ein kleiner Fleck auf der Facebook Landkarte. Facebook reagiert zu spät, zu langsam und mit unzureichenden Maßnahmen bezüglich der Probleme deutscher Nutzer und Unternehmen.

Infografik Facebook Reporting Guide

Zwar gibt es einige Angebote von Facebook, um die Hasskommentare zu managen, z.B. Hilfe-Page für Facebook Fanpage, Meldebutton zur Überprüfung für Fake News und Spam. Der Facebook Reporting Guide zeigt in der Infografik, welche Schritte jeder Regelverstoß durchläuft und welche Maßnahmen Facebook ergreift. Leider ist die Grafik nur in englischer Sprache verfügbar. Beim Klick wird die Infografik größer.Facebook-Reporting-Guide-1.jpg

Zudem gibt es den Arvato Einsatz gegen Hasskommentare auf Facebook, doch das alles reicht nicht aus, um die Probleme zu lösen, siehe auch den Beitrag in der Zeit: Facebook Fake News Maßnahmen.Facebook ist milde im Löschen von Hasskommentare. Nur 39 % aller Hasskommentare werden bei Facebook gelöscht. Im Vergleich dazu löscht Youtube 90 % der Hasskommentare (siehe Beitrag in der Tagesschau). Warum gelingt das bei Facebook nicht? Weil Facebook schwache Regeln zum Löschen von Hasskommentare verwendet.
 

Ein Kommentar wie „Jemand soll Trump erschießen“ ist nach den Richtlinien verboten, weil der US-Präsident als Staatsoberhaupt eine tatsächlich „angreifbare Person“ ist. Bei anderen Aufrufen zur Gewalt ist man dagegen  großzügig: Ein Kommentare wie „Ich hoffe, dich bringt jemand um“ darf stehen bleiben. Die Begründung dafür lautet, dass hier keine „ernstzunehmende Bedrohung“ zu erkennen sei. Sogar Videos von Abtreibungen sind erlaubt, solange keine nackten Körperteile zu sehen sind. Selbst Videos von Tötungen sollen die Facebook-Mitarbeiter nicht zwinged entfernen. 

Ein Dilemma sind live gestreamten Selbstmordversuchen: Facebook möchte das auch in Zukunft erlauben: „Nutzer posten selbstzerstörerische Inhalte als Hilfeschreie – diese zu entfernen könnte verhindern, dass sie gehört werden“, heißt es. Diese Richtlinien seien mit Experten entwickelt. Für die Sicherheit der Betroffenen sei es das Beste, wenn sie live mit ihren Zuschauern in Kontakt bleiben könnten. Gelöscht wird erst, wenn es keine Möglichkeiten mehr gibt, der Person zu helfen.

Die Arbeit macht die Facebook Kontrolleure psychisch krank

Die Maßnahmen von Facebook kommen viel zu spät und sind unzureichend, um das Problem zu lösen. Die Arvato Kontrolleure sollen von 4.500 auf 7.500 erhöht werden, die wöchentlich mehr als 6,5 Millionen Einträge untersuchen sollen. Für jedes Post haben sie im Durchschnitt zehn Sekunden Zeit. Dazu müssen sie laut Tagesspiegel etliche Handbücher von ständig aktualisierten Regeln anwenden.

Experten wie die amerikanische Medienwissenschaftlerin Sarah Robert von der Universität in Los Angeles halten die Bemühungen von Facebook für nicht ausreichend: „Die Arbeitsbedingungen der Content-Moderatoren sind katastrophal.“ Sie verdienten nur knapp über dem Mindestlohn und ihre Arbeit mache sie psychisch krank. Das Problem sei, dass das soziale Netzwerk zu schnell gewachsen sei und die Kontrolle der Inhalte lange Zeit weit unten auf der Prioritätenliste stand

Das Pilotprojekt in den USA zu Hasskommentaren (siehe Beitrag in der TAZ) ist wenig hilfreich für Deutschland, denn hier gelten andere juristische Rahmenbedingungen. Außerdem unterscheiden sich Sprache, Kultur und Mediennutzungsverhalten. Die Pilotprojekt-Ergebnisse werden vermutlich wenige anwendbare Erkenntnisse für deutsche Facebook Nutzer und Unternehmen bringen. Zudem verzögert sich damit wieder die Problemlösung für Deutschland. Warum gibt es keine Pilotprojekte in Deutschland? Weil Deutschland einen geringen Stellenwert für Facebook hat.

Hate-Speech-Gesetz von Justizminister Heiko Maas

Justizminister Heiko Maas (SPD) will mit dem neuen Gesetz gegen die Konzerne wie Facebook vorgehen, um sie zu zwingen, endlich ernsthaft gegen Beleidigung, Verleumdung, Aufforderung zu Straftaten, Volksverhetzung, Bedrohung vorzugehen. Das Gesetz ist der richtige Schritt, muss aber gemeinsam mit Nutzern und Unternehmen erarbeitet werden und genauer definiert werden mit deutschen Juristen, denn es gab bereits Kritiken dazu wie: Verstoß gegen Meinungsfreiheit (Löschfristen) und ungenaue Formulierung (Begriffe wie: offensichtlich rechtswidrige Inhalte). Sehen Sie dazu, wie der Bundestag den Gesetzentwurf von Maas debattiert, in der tagesschau 14:00 Uhr, 19.05.2017, ARD Berlin.

Löst das Gesetz das Problem?

Nein, das Gesetz des Ministers Maas wird die Probleme nicht lösen, denn die Ursachen liegen tiefer. Die Ursachen liegen im digitalen Medienwandel, der mit einem Wertewandel und fehlender Kompetenz für soziale Medien verbunden ist und bei Eltern, Kindern, Erwachsenen, Lehrern, Juristen und Richtern für Orientierungslosigkeit sorgt.

Wir leben in einem freien Land. Das heißt in Deutschland darf jeder sein Recht auf Meinungsfreiheit dafür nutzen, seine Meinung frei zu äußern. Doch dabei dürfen die Rechte anderer nicht verletzt werden, zum Beispiel: Volksverhetzung, Gewaltaufrufe, Rufschädigung oder Verleumdung. Doch Social Media ist kein rechtsfreier Raum. Diese Gesetze gelten auch in Social Media und wurden lange geduldet, so dass sich einige Internet-Nutzer daran gewöhnt haben, dass ihre Meinungsäußerungen, die die Persönlichkeitsrechte anderer verletzt , „normal“ waren und geduldet wurden.

Jetzt sollen diese Gesetze stärker zur Anwendung kommen, indem Kommentare, die gegen das Strafrecht verstoßen, gelöscht und geahndet werden. Das ist neu und muss erst verstanden werden. Oftmals funktioniert das in der Praxis, indem man ein Exempel statuiert, damit Respekt entsteht und es in Zukunft niemand wagt, diese Fälle zu wiederholen.

Zwar fordern soziale Netzwerke wie Facebook in ihren AGBs die Nutzung von realen Personen-Namen, allerdings sind auch anonyme Nutzer-Profile möglich, so dass die Nachfolgung straflicher Taten schwieriger, aber nicht unmöglich ist - auf der Basis der IP-Daten findet man auch anonyme Nutzer.

Doch es bedarf mehr als konsequenter Härte, das allein reicht nicht. Information, Aufklärung und Medientraining, um diese Grauzone in den Griff zu bekommen sind erforderlich. Es muss mehr digitale Medienbildung und mehr qualifizierte Staatsanwälte geben und eine europäische Regelung statt einer deutschen, um dieses Problem zu lösen.

Wie gehen Unternehmen mit den Facebook Hasskommentaren um?

Laut Handelsblatt haben Konzerne wie Daimler, Wal Mart und Starbucks haben ihre Youtube Werbung in Großbritannien gestoppt, da diese bei Videos ausgespielt wurde, die unter anderem für den Islamischen Staat warben. Allein in der Woche verlor YouTube-Mutterkonzern Alphabet an der Börse 26 Milliarden Dollar an Wert.

Ähnliche Überlegungen höre ich auch von Unternehmen, die Facebook Marketing betreiben. Sie möchten nicht auf die Marktpotenziale verzichten, denn Facebook ist mit circa 2 Mio. Mitglieder das größte soziale Netzwerk zur Kunden-Gewinung und -Bindung. Doch der niedrige Stellenwert von Facebook im Umgang gegen Hasskommentare enttäuscht viele Marketers und Unternehmen. Sie fühlen sich nicht ernst genommen mit ihren Problemen und überlegen das Facebook Budget zu kürzen oder zu streichen.

Handlungsempfehlungen für Facebook Marketing

  • Unternehmen, die Facebook Marketing nutzen, sollten sich in Schulungen, Trainings und Coachings mit dem professionellen Einsatz und den souveränen Umgang schulen. Die Adminstratoren sollen sich mit den Einstellungen der Fanpage beschäftigen, z. B. „Sollen Kommentare direkt freigeschalten werden oder erst intern geprüft werden? Sollen Kommentare bestimmte Begriffe geblockt werden?“ All das und noch viel mehr lässt sich in der Facebook Hilfe genauer nachlesen. Drei Beispiele folgen.
  • Facebook Spamfilter: Bei Facebook gibt es einen Spamfilter, der Beiträge nach definierten Kriterien als Spam erkennt und automatisch verbirgt. Zum Beispiel: Beiträge mit expliziter Sprache (wie „Scheiße“) oder mit Links zu dubiosen Seiten. Faceboook Fanpage Seitenbetreiber finden den Ordner mit den geblockten Beiträgen unter „Seite bearbeiten“ –> „Aktivitätenprotokoll verwenden“ –> „Spam“ einsehen. Doch manchmal werden auch legitime Beiträge als Spam herausgefiltert. Sie können dann mit einem Klick auf das kleine Symbol rechts wieder aktiviert werden.
  • Filter für vulgäre Ausdrücke: Facebook Fanpage Seitenadmins können stärkere oder schwächeren „Filter für vulgäre Ausdrücke“ einstellen. Er ist zu finden unter „Seite bearbeiten“ –> „Einstellungen bearbeiten“ –> „Filter für vulgäre Ausdrücke“. Facebook arbeitet hier mit häufig als vulgär gemeldeten Begriffen, die dann bei Akvitierung des Filters automatisch eine Blockierung des Beitrags auslösen.
  • Seitenmoderation: eigne Begriffe definieren: Es ist sinnvoll, selbst Begriffe zu definieren, die den Spamfilter auslösen sollen (wie „Arschloch“). Hier bietet die Seitenmoderation eine gute Möglichkeit, eigene Stoppwörter zu definieren.  Unter „Seite bearbeiten“ –> „Einstellungen bearbeiten“ –> „Seitenmoderation“. Mehr dazu in der Facebook Hilfe

Fazit: Facebook sollte deutsche Unternehmer; Nutzer und Politiker miteinbeziehen in den Problemlöseprozeß bezüglich der Hasskommentare. Zudem sollten sie bemühen, die deutsche Rahmenbedingungen zu verstehen und zu beachten (wie Datenschutz, Sprache, Kultur, Mediennutzung, Medienkompetenz). Außerdem sehe ich die Regierung, Politiker und Bildungsexperten in der Pflicht, endlich durchgängige Angebote zur digitale Medienkompetenz für Schulen und Unis zu entwickeln. Zudem sollten juristische Fortbildungen gefördert werden, damit Anwählte und Richter überhaupt verstehen, worum es geht. Lesen Sie dazu: Facebook Datenschutz: Verletzung der Privatsphäre

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Tags: Social Media, facebook, Hasskommentare

Über Dr. Claudia Hilker

Dr. Claudia Hilker

Dr. Claudia Hilker ist Marketing-Expertin und berät mit ihrer Unternehmensberatung Hilker Consulting ihre Kunden in der digitalen Content Marketing Kommunikation. Zu den Leistungen zählen: Strategie-Beratung, Umsetzung und Begleitung − als Beirat, Interimsmanager, Projektleiter, Agentur. Dr. Claudia Hilker gibt Seminare, Workshops und hält Vorträge. Als Autorin hat sie neun Marketing-Bücher sowie eine nebenberufliche Dissertation über Social-Media-Marketing geschrieben. Bei Interesse an einer Zusammenarbeit schreiben Sie mir eine E-Mail: [email protected]. Oder rufen Sie mich an: +49(0)177-6057849.

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